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VO800 2013 NCO

 

 

Sebastian Huhmann und Jan Umlauf gelingt ein Meisterstück. Sie fliegen die ersten beiden angemeldeten 1000-km-FAI-Dreiecke mit Startplatz nördlich der Elbe.
Seit Jahren geistert diese Idee in den Köpfen der Boberger Segelflieger, aber bis zu diesem Tag hat es trotz vieler Versuche niemand geschafft. Sebastian und Jan setzen damit eine Tradition fort, die durch Klaus Tesch 1972 mit einem Weltrekord über eine 1050 km abgemeldete Zielstrecke begründet und im letzten Jahr durch Sebastian Huhmann und Carsten Portmann mit angemeldeten 1000-km-Flügen über 3 Wendepunkte fortgeführt wurde. Jetzt endlich ist auch das FAI-Dreieck geknackt worden. Aber lassen wir einen der beiden Piloten, Jan Umlauf, selbst berichten. 

Vorhersage Topeteo

 

„Schon einige Tage vorher war die Wettervorhersage für den Samstag sehr gut, aber leider hatte ich genau an diesem Tag Fluglehrerdienst. Da ich den Tag lieb

er mit meiner ASG 29 nutzen wollte, bat ich Dirk Husmann, mich zu vertreten. Dirk übernahm meinen Dienst – vielen Dank 

noch mal dafür.

Freitagabend planten Sebastian und ich die Aufgabe für den folgenden Tag. Allerdings war inzwischen in den Wettervorhersagen eine klare Verschlechterung durch Abdeckung südlich Berlin zu erkennen und damit unklar,  ob ein Flug um Berlin möglich sein würde. Am Samstag ging es kurz nach 7 Uhr mit dem Aufbauen los. Bei der Flugzeugvergabe im HAC  war der Briefingraum brechend voll, jeder wollte einen Flieger abbekommen.

Geplante Flugstrecken:

ES (mein Flieger) 1000 km!

LY (Sebastians 29) 1000 km!

Da wir leichten Ostwind hatten, war der Start bereits auf der 12 aufgebaut, und ich stellte mich mit meiner 29 in F-Schlepp-Position. Zum Glück war Wacki (Joachim Wackernagel) bereits eine Stunde vor seinem eingeteilten Schleppdienst für uns vor Ort.
Kurze Beratung mit Sebastian:  Nach dem aktuellen Satellitenbild ist die erste Wende bei Reinsdorf südlich Berlin okay. Es bleibt bei dem Plan, 1000 km als FAI-Dreieck um Berlin entgegen dem Uhrzeigersinn zu fliegen. Abflug und Ziel Boberg, erste Wende westlich Reinsdorf, zweite Wende südlich von Pila in Polen. Die zweite Wende wird von uns noch mal justiert, da mein Rechner nur 999,8 km als Gesamtstrecke auswirft. (Deshalb weichen unsere Aufgaben später um einige Meter voneinander ab.)

Satellitenbild
Gegen 9:30 Uhr sind die Tops der ersten Kumulanten südlich vom Platz zu erkennen. Start im F-Schlepp als Erster gegen 9:45 Uhr. Kleiner Schreck: Die Wolken stehen noch deutlich südlich der Elbe! Nachdem Wacki in 900 Metern (Höhenfreigabe für den Luftraum um Boberg) mit den Flügeln gewackelt hat, klinke ich aus. Abflug direkt über dem Platz, Gleiten bis an die Elbe, dort erstes schwaches Steigen. Vorsichtig weiter, Wolken sind erst deutlich südlich von Winsen zu erkennen.

Erst hinter der Elbe an der Luftraumgrenze finde ich aus 450 m über Grund etwas unter einem Meter Steigen, was mich wieder auf 900 Meter bringt. Von dort kann ich vorsichtig Richtung Wolken fliegen, finde dann aber noch im Blauen über dem Golfplatz bei Winsen rund einen Meter, den ich gerne mitnehme.
Inzwischen ist auch Sebastian in der Luft, er fliegt den von mir markierten Bart direkt an. Ich sehe, wie er tief unten über den Wald in die Thermik einsteigt. Weiter geht es an die Wolken, die allerdings besser aussehen, als das dann zu findende Steigen ist, also vorsichtig geradeaus weiter.

Südlich an Lüneburg vorbei zeichnet sich Richtung Lüchow-Rehbeck und Salzwedel eine Aufreihung ab. Sebastian wählt eine Wolkenstraße weiter südlich, und bis zur zweiten Wende hören wir uns nur im Funk.
Weiter am Horizont auf Kurs scheint es noch Blau zu geben. was sich aber nach Salzwedel ändert. Nun geht es mit einem Schwenk nach Süden am nördlichen Rand des Sperrgebiets Gardelegen weiter. Das Wetter wird deutlich besser,  Steigwerte und Basis steigen stark an. Genau über Stendal geht es mit drei Metern pro Sekunde auf 1500 Meter.

Der weitere Weg an Lüsse vorbei und dann zum alten Lager verläuft problemlos; allerdings ist jetzt die Wetterverschlechterung durch Abschirmung im Süden deutlich zu erkennen. Da der direkte Weg zur Wende nicht gut aussieht, fliege ich diese erst mal mit 30 Grad Abweichung an, um dann von Norden mit möglichst viel Höhe in Richtung erste Wende zu gehen.

Nach der Umrundung bringt ein 1-m-Bart aus 900 m Sicherheit, um weiter auf Kurs Richtung Brandt zu fliegen. Die Optik ist ausgezeichnet, entsprechend sind die Steigwerte. Am Luftraum Berlin teilweise das Vario am Anschlag; mehrmals 4 Meter pro Sekunde integriertes Steigen. Nachdem ich mich unter dem Luftraum Berlin befinde, der auf FL65 anfängt, muss ich aufpassen, nicht zu hoch zu steigen.

Bis Eisenhüttenstadt ausgezeichnete Bedingungen, ab der polnischen Grenze aber auf Kurs ein großes blaues Loch. Ich entscheide mich, auch um ein Sperrgebiet zu vermeiden, etwas links vom Kurs zu bleiben, und erreiche nach einer langen Gleitstrecke den Zauberwald.
Stefan Delfs, mit Nimbus 4 unterwegs, berichtet von Steigwerten um 4 Meter pro Sekunde – ich muss mich mit 2,5 Meter begnügen. Sebastian und mir ist klar, dass wir zu diesem Zeitpunkt deutlich hinter unserem Zeitplan liegen, aber ich will die Wende auf jeden Fall anfliegen – Sollte der Tag lange gehen, besteht noch Hoffnung, die Aufgabe zu Ende zu fliegen.

 Anflug auf die Wende aus Westen, was mich ca. 20 km Vorsprung kostet. Sebastian, der die zweite Wende deutlich südlich angeflogen hat, steigt direkt nach der Wende mit in die Thermik ein.
15:45 Uhr südlich Pilar, dem Geburtsort meiner Eltern,ein Großvater war dort Segelflieger. Distanz nach Boberg 445 km. Den Rest des Fluges bleiben wir eng zusammen.

Mit Sebastian im Team geht es schnell über die Grenze weiter nach Westen in Richtung Templin. Gegen 17:00 Uhr sind wir noch 290 km von Boberg entfernt. Normalerweise möchte ich um diese Zeit noch maximal 250 km vom Ziel entfernt sein! Kurz hinter Templin verändert sich die Optik der Wolken und auch die Steigwerte gehen zurück. Bei laut Funk abbauendem Wetter berechnet der Endanflugrechner noch einige 1000 Meter minus bis  Boberg. Im Bombodrom stehen noch zwei schöne Wolken, und wir wählen die sportlich attraktive Option, mit Umweg auf Kurs weiterzufliegen.  

Leider ziehen beide Wolken aber nicht mehr, also erst mal weiter, Wolken und Dunstkuppen sind weit entfernt nördlich der Elbe. Kurz darauf, 450 Meter über Grund, drehe ich  auf die südlich stehenden Dunstkuppen zu, die aber aus meiner Höhe nicht zu erreichen sind.  Ein Wald-Aufwind bringt beruhigende 900 Meter Höhengewinn in 15 Minuten, und auch die Optik voraus lässt wieder erreichbare Thermik erwarten. Ein Großteil des Wassers in meinen Flächen ist raus, das Steigen in der ruhigen Abendthermik lässt sich gut zentrieren. Vorsichtig fliegen wir weiter, ab jetzt geht es nicht mehr unter 1000 Meter. 19:30 Uhr noch mal auf 2000 Meter, der Rechner zeigt plus 90 m mit McCready Null. Eine einzige Wolke steht noch vor uns, danach kann nichts mehr gehen. Sechs Minuten später  dort mit 0,7 Meter pro Sekunde noch mal 390 Meter Steigen . Vor uns jetzt alles dunkel und schattig, keine Strukturen mehr zu erkennen, die Sonnenbrille brauche ich jetzt nicht mehr. Wir nehmen alles mit, was noch irgend geht.Anflug LY (Large)

19:45 Uhr, 2200 m hoch und noch 79,3km nach Boberg. Der Rechner sagt 300 plus mit McCready 1 – sollte mit diesem Flugzeug reichen …
35 Minuten Endanflug – die Anspannung der letzten Stunden weicht allmählich dem Gefühl von Erleichterung und Freude.
Kurz vor der Luftraumgrenze melden wir uns wieder am Platz, Boberg-Info ist sogar noch besetzt. Ich melde mich für einen tiefen Vorbeiflug von Ost nach West an, Sebastian seinen Überflug beim Ausschweben  auf der 12. Nach der langen Landung klappt das Einparken am Anhänger, und Patrick Kharadi kann die Fläche direkt in die Hand nehmen.
10 Stunden 32 Minuten Flug sind zu Ende – und keine Minute war langweilig! Die Glückwünsche der Fliegerinnen und Flieger holen uns auf den Boberger Boden zurück, und  Sebastian und ich gratulieren uns zu diesem besonderen Flug: 1000 km als angemeldetes FAI-Dreieck erstmals von Boberg aus geflogen, mein bislang längster Flug und auch der weiteste.“

 Das 1000-km-Diplom haben seither vier Piloten von Boberg aus erflogen. Am Ende sprangen dann für Jan nach der kleinen Änderung der Aufgabe kurz vor dem Start noch 3 neue deutsche Klassenrekorde in der 18-Meter-Klasse heraus:

Freie Strecke: 1015,9 km

Freie Zielrückkehrstrecke: 902,6 km

Dreieckstrecke: 1005,39 km

Grafik 1000erFAI ES LY

 

 

Text: Albin Walther und Jan Umlauf

 

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